Albert Steffen
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Selbstgewähltes Schicksal

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Selbstgewähltes Schicksal — Roman
Elisabeth Steffen

1978, 776 S., Leinen, 2. Aufl.,
ISBN 978-3-85889-102

Preis: CHF 28.-- / EUR 25.00
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«Diesen Lebensroman fand der Dichter Albert Steffen nach dem Tod seiner Gattin unvermutet in ihrem Tagebuchkoffer. Er ergänzte ihn und rundete damit das Bild dieser ganz besonderen Frau, die weniger durch ihr Tun als durch ihr Sein auf andere wirkte. Schon als junges Mädchen hatte Elisabeth von Verées unter einem Pseudonym einige Novellen in ungarischen Zeitschriften veröffentlicht. Ihr schweres Schicksal verlangte Verzicht auf den Künstlerberuf. Weil es aber, wie sie ausdrücklich schon im Titel erklärt, selbstgewählt war, blieb sie ihrem jugendlichen Gelöbnis «eine Dienerin der Kunst zu werden» treu. Aus dem damals reichen, kultivierten Siebenbürgen und einer adligen Gutsbesitzersfamilie stammend, brauchte es Ende des letzten Jahrhunderts eine starke eigene Linie, ein Studium als Lehrerin durchzusetzen. Doch war eine Landschule mit achtzig Kindern für ihre zarte, noch ganz im Märchenhaften webende Art anders, als sie sich Freiheit und Unabhängigkeit vorgestellt hatte. So konnte der viel ältere, urwüchsige, sich über alle Konvention hinwegsetzende polnische Maler Stanislaus Stückgold der nahen Künstlerkolonie sie zur gemeinsamen Flucht nach Paris veranlassen, denn Abenteuer wollte sie wagen und nicht wie die meisten um sich rhythmisch-dumpf einen Tag wie den anderen dahinfliessen lassen. Paris wurde zu einer unerbittlichen Lebensschule, was wohl der Abend des Hochzeitstages - was für Hindernisse gingen ihm voraus - beweist: 'Stückgold ging zum Abendaktzeichnen. Er liebte seinen täglichen Rhythmus und dachte nicht daran, ihn heute am Hochzeitstag zu unterbrechen. Ich blieb allein zurück und wusch Geschirr auf. Einst war ich eine Königstochter, seufzte ich, vielleicht ist dies meine Probezeit wie im Märchen und alles kommt noch gut heraus.'
Ja, sie war lang und hart, diese Probe mit Hungern, Frieren, Sorgen, oft Verzweifeln, aber reich an Begegnungen mit bedeutenden Malern wie Matisse, Picasso, Henri Rousseau, Schriftstellern, Ausstellungen, auch mit fragwürdigen Existenzen. Wohl als schwersten Schlag, ja fast wie eine Strafe, empfand die junge Mutter, dass ihr Töchterchen Felicitas am rechten Arm und Fuß gelähmt war und dass es an Epilepsie litt. Das Dilemma, Mutter und Künstlergattin zu sein, verschärfte sich mehr und mehr. Und doch sollte auch diese Prüfung zum Segen werden, weil sie diese mehr und mehr als Lebensaufgabe empfand. Ein russischer Kunsthistoriker machte die bedrückten Eltern auf Rudolf Steiner aufmerksam, worauf die kleine Familie nach München zog, wo sich wieder ein Künstlerkreis bildete, zu dem auch der Berner Dichter Albert Steffen gehörte, den schon bei der ersten Begegnung das sehr blasse, vom Leid durchgeistigte Antlitz der jungen Mutter und ihre schwesterliche Beziehung zum gelähmten Kind stark beeindruckten. Felicitas brauchte besondere Pflege und Schulung, die eine Übersiedlung nach Dornach nötig machten.
Nach dem Tode des Malers wurde Elisabeth Stückgold des Dichters Frau. Gereift in 'viel Leid' - wie es eine Kartenschlägerin der jungen Lehrerin prophezeit hatte - erhellte und befruchtete sie das Schaffen des Dichters. Ihr unerschrockenes und unbestechliches Urteil über Menschen und Kulturelles stärkte ihn in seiner Aufgabe. Ihm, dem einzelne Erscheinungen schicksalhafte Begegnungen werden, dem sich im Besonderen Allgemeingültiges erschliesst, gab der tägliche Umgang mit Felicitas bis zu ihrem frühen Sterben Anlass, im Kapitel 'Das Regenbogenkind' über die Einstellung zum behinderten Kind und seiner Erziehung Gedanken zu äussern, die Eltern und Betreuer zu ganz neuen tröstlichen Einsichten führen können. Mit der Frage: 'Und Deine Schriftstellerei?' wollte eine Jugendfreundin den Sprung ins Pariser Abenteuer verhindern, aber die junge Elisabeth antwortete: 'Die häng ich zunächst an den Haken wie ein Kinderkleid, das sich ausgetragen. Man darf nur dann schreiben, wenn man etwas zu sagen hat, spricht ein grosser Dichter. Also, wenn man etwas erlebt hat.' Dass höchste Kunst schlicht ist, schlicht zu schreiben aber zum Schwersten gehört, wird viel später in einem Gespräch geäussert. 'Erst müssen Stürme über uns gegangen sein, bevor wir die Stille vernehmen.' In solche Atmosphäre hinein webt dieser Lebensroman das Gedenken Albert Steffens. Es ersteht trotz Irrungen, Wirrungen, Unzulänglichkeiten hinter dem äusseren Geschehen ein unvergänglicher reicher Teppich, weil die Lösung der Lebensrätsel dort gesucht und gefunden wird und damit der Sinn menschlicher Begegnungen und auch der Krankheiten. Sind die Erinnerungen der jungen Künstlersfrau schon ein wertvolles Zeitdokument, so werden sie durch die Ergänzungen des Lebensgefährten und Dichters zu einem Lebensbuch.»
(Margrit Kaiser-Braun am 8. Juni 1962 im «Schweizer Frauenblatt», Winterthur)