Albert Steffen
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Der Chef des Generalstabs

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Der Chef des Generalstabs — Drama
Albert Steffen

1984, 122 S., Gebunden, 3. Aufl.,
ISBN 978-3-85889-117

Preis: CHF 20.-- / EUR 18.00
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Werner Wolff zur Uraufführung des Dramas am 9. Oktober 1937: «Man hat schon oft auf den Unterschied zwischen Geschichte und Dichtung hingewiesen, in dem ja die eine an die Geschehnisse gefesselt ist, die andere frei mit ihnen zu schalten vermag. Man sollte sich aber eben so oft ihr Gemeinsames gegenwärtig halten, die Tatsache nämlich, daß auch die Geschichte, und erst recht die Geschichtsphilosophie, ohne einen Standort außerhalb der Ereignisse garnicht möglich ist, und sei es auch nur der Standpunkt der Gegenwart, zu der die Vergangenheit hergedeutet wird. Der endlosen, eng verflochtenen Kette der bedingten und bedingenden Geschehnisse gegenüber erscheint aber jede Zielsetzung und Sinngebung als Willkür, nur daß bei der Dichtung diese Willkür durch die abgeänderten Tatsachen auf der Hand liegt.
Beide, Geschichte und Dichtung, haben die Willkür der Blickrichtung und Sinngebung gemeinsam, und beide können ihre Pflichten der Menschheit gegenüber nur erfüllen, wenn sie trotz des Bewußtseins dieser Willkürlichkeit Ziel und Halt aufzustellen trachten. Beide können ihr Werk ohne eine sichtende, richtende Hand nicht tun, und die Haltung beider dem Weltgeschehen gegenüber ist im letzten Grund eine sittliche, denn die Forderung einer Sinngebung, trotzdem ihre Gewaltsamkeit und Beschränkung von vornherein gegeben ist, kann nicht anders bezeichnet werden. Wir wissen auch bei beiden von seltenen Glücksfällen, wo der in den Geschehnissen aufgezeigte Sinn alle Willkürlichkeit zu verlieren und als Lösung sich darzubieten scheint. Zu solchen Überlegungen wird man durch Albert Steffens Drama 'Der Chef des Generalstabs' geführt. Der Versuch, die allerjüngste Vergangenheit, hier den Ausbruch des Weltkriegs und das Geschick des deutschen Generalstabschefs Moltke, zu deuten als Station der Menschheitsgeschichte wird auf den ersten Blick gewiß als besonders kühn erscheinen müssen. Traut man jedoch dem Deutenden zu, sich von den Parteiungen und Leidenschaften des Tages frei machen zu können, so ist solch ein Versuch nicht waghalsiger, als wenn nach dem Sinn weiter zurückliegender Zeiten gefragt wird. Wenn wir wissen, daß Steffen die Menschheit auf dem Wege der Seelenwanderung nach dem fernen Ziel der Erlösung und Befreiung sieht, so wird man einem solchen Mann, der mit so großen Zeiträumen und so vielen Geschlechterfolgen rechnet, die Entrückung aus den Trübungen der leidenschaftlichen Gegenwart wohl glauben. Sein Drama ist denn auch nicht für oder gegen diesen oder jenen Kriegführenden geschrieben. Es schildert das Opfer eines Menschen, der die Schuld der vergangenen Geschlechter bewußt auf sich nimmt, um es nicht in die Hand eines andern fallen zu lassen, der nichts von dem Erlösungsweg der Menschheit weiß. Es schildert den menschenmordenden Feldherrn und den Christen, der ein Gottesstreiter sein möchte und es nicht sein kann. Es schildert den Zusammenbruch eines Menschen, der das Schwert nicht für das Wort der Wahrheit ziehen darf. Bei Steffens Drama wird keinem das Bestreben des Dichters entgehen, die festliegenden Tatsachen der Geschichte zu vereinen mit der verkündenden Dichtung. Menschen, die wir noch vor Augen haben, treten darin auf, der Kaiser z.B., Falkenhayn, von der Goltz, und wer unter dem Geistesforscher zu verstehen ist, braucht nicht ausgesprochen zu werden. Um so aufrüttelnder ist es, wenn unter die Menschen unserer Generation Geistgestalten treten, die durch die Jahrtausende wandeln. Nicht nur in der Geschichte, sondern auch in der Gegenwart webt der Geist der Verkündung und Dichtung: Geschichte und Dichtung sind einem Herrn dienstbar. Mit der 'Friedenstragödie' und diesem Drama hat Steffen Anfang und Ende des Weltkriegs zum Thema genommen. Wer will sich wundern, daß diese Katastrophe einen Menschen, dem das Heil der Menschheit eine tiefe Herzensangelegenheit ist, nicht losläßt? Und wer zweifelt, daß solch ein Geist jeden, wo er auch steht, zu treffen vermag? Unsere jüngste, grauenvoll enttäuschende Vergangenheit, durchleuchtet von einem hoffnungsfreudigen, der Erlösung sichern Geist, das sind die beiden Dramen Albert Steffens, die der Weltkrieg ihm abgerungen.»
(«National-Zeitung», Basel, 5. Oktober 1937)